| Peter Sommerer
Freiheit in f-Moll
Konzertmoderation von Peter Sommerer aus der Leipziger Bethanienkirche zum 9. Oktober – Gedanken über Beethoven, Freiheit und Demokratie
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
wir beginnen heute mit einer Hinrichtung. Keine Sorge, im Saal stirbt niemand, nur auf der Bühne, und auch dort bloß in Musik. Danach gibt es einen Sieg. Das ist bei Beethoven gute Gewohnheit: erst die Katastrophe, dann der Triumph.
Am 5. Juni 1568 wurde in Brüssel Lamoral Graf von Egmont geköpft. Er war ein flämischer Adliger und Volksheld, der sich für die Rechte der Niederlande gegen die spanische Krone einsetzte. König Philipp II. schickte daraufhin den Herzog von Alba, und dessen Methoden würde man heute als wenig dialogorientiert bezeichnen.
Goethe machte daraus ein Drama und verbesserte dabei die Wirklichkeit. Der echte Egmont war verheiratet und Vater von elf Kindern. Goethes Egmont ist jung, ledig und in das Bürgermädchen Klärchen verliebt. Historiker nennen so etwas Geschichtsfälschung, Germanisten nennen es Weimarer Klassik.
Beethoven komponierte die Musik 1809 und 1810 für das Wiener Burgtheater, kurz nachdem Napoleon Wien beschossen und besetzt hatte. Wenn er Fremdherrschaft vertont, weiß er also, wovon er spricht. Die Ouvertüre ist ein politischer Kommentar, so geschickt in Noten verpackt, dass die Zensur ihn nicht lesen konnte.
In neun Minuten erzählt die Musik das ganze Drama. Zu Beginn hören Sie schwere Akkorde in f-Moll im Rhythmus einer Sarabande, eines spanischen Tanzes. Beethoven macht die Tanzform der Besatzer zu einem Gewicht, das auf allem lastet. Im Allegro kämpft die Musik dann gegen diesen Druck an, bis ein schneidender Akkord sie jäh abbricht. Danach ist es plötzlich still. Das ist der Schlag des Henkers, und Beethoven braucht dafür kein Schwert, sondern nur eine Pause. Aus dieser Stille wächst schließlich die Siegessymphonie in F-Dur, mit Trompeten, Pauken und einer frechen Piccoloflöte, die über allem jubelt.
Achten Sie auf diese Stille. Über das, was danach kommt, sprechen wir nach der Musik.
Ludwig van Beethoven: Ouvertüre zu Goethes „Egmont“.
Teil 2:
Der Held ist tot, und das Orchester jubelt. Ist das zynisch?
Nein, genau darin liegt der Kern: Egmont stirbt, seine Idee aber nicht. Bei Goethe erscheint ihm Klärchen in der letzten Nacht als Allegorie der Freiheit. Der Körper wird hingerichtet, die Freiheit wird freigesprochen. Schiller fand diese Traumszene übertrieben und nannte sie einen Salto mortale in eine Opernwelt. Beethoven hat das offenbar als Arbeitsauftrag verstanden.
Freiheit ist allerdings ein großes Wort. Und große Wörter haben ein Problem: Je öfter man sie benutzt, desto weniger wiegen sie. Heute ist Freiheit ein Begriff mit Inflationsrate. Jeder beansprucht sie, für fast alles und gern gegen andere. Wenn ein Wort alles bedeuten kann, droht es irgendwann nichts mehr zu bedeuten.
Hier in Leipzig wissen wir, wie viel dieses Wort einmal gekostet hat. Am 9. Oktober 1989 zogen rund 70.000 Menschen über den Ring. Sie hatten Kerzen in den Händen und zwei Sätze auf den Lippen: „Wir sind das Volk“ und „Keine Gewalt“. Bei Egmont war die Freiheit noch ein Traum im Kerker. An diesem Abend wurde sie in Leipzig Wirklichkeit, ohne Schwert und ohne Henker.
Was ist aus dieser Freiheit geworden? Vor zehn Jahren hieß es noch, die Partizipation am Diskurs werde demokratisiert. Das hieß: Jeder darf mitreden, und besonders in den sozialen Medien hat nun jeder auch eine öffentliche Stimme. Heute muss man feststellen, dass unser demokratiepolitisches Gemeinwohl etwas Fett angesetzt hat. Was früher als politischer Rand galt, nimmt die politische Mitte in die Zange. Emotionale Schlagwortpolitik bedient eine immer größer werdende Sehnsucht nach der Simplifizierung der Komplexität der Welt, und ich kann diese Sehnsucht durchaus nachvollziehen.
Wie kompliziert die Welt geworden ist, haben wir auf unserer New-York-Reise erlebt. Eine Kollegin sagte damals, es sei für sie als ehemalige DDR-Bürgerin immer noch ein Wunder, einfach so nach New York zu reisen. Vor 1989 war die Ausreise die große Hürde. 2026 war die Einreise in die USA bemerkenswert kompliziert. Das Visum wurde erst zwei Tage vor dem Abflug erteilt, und bis dahin waren wir auf einer Achterbahn zwischen Euphorie und betäubter Resignation unterwegs. Die Freiheit hat offenbar die Seite gewechselt, das Formular ist geblieben.
Was meine ich nun mit der Simplifizierung der Komplexität? Kurz gesagt: sehr einfache Antworten auf sehr komplizierte Fragen. Dann bin ich mal so frei und bediene mich dieses Werkzeugs selbst. Was steht auf Platz eins der Maßnahmen, die die Gesamtlage in Deutschland verbessern sollen? Richtig: Remigration. Alle weg, dann bleibt viel Geld übrig, es gibt keine Wohnungsnot mehr und keine Kriminalität. So einfach ist das.
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Dass Fehler gemacht wurden, teilweise auch gravierende, bestreitet niemand. Aber wer komplizierte Probleme mit einem einzigen Schlagwort lösen will, verwechselt Freiheit mit Bequemlichkeit.
Auf der anderen Seite will man enteignen. Wir müssen denjenigen, die viel haben, nur genug wegnehmen. Auch das klingt herrlich einfach. In Berlin sollen große Wohnungskonzerne vergesellschaftet werden, etwa 200.000 bis 240.000 Wohnungen. Was das kostet? Darüber herrscht große Einigkeit, nämlich darüber, dass man sich nicht einig ist. Die Initiative selbst rechnet mit 8 bis 18 Milliarden Euro, der Senat mit 29 bis 36 Milliarden. Der Landesrechnungshof hält in einem Szenario sogar bis zu 42 Milliarden für möglich. Zum Vergleich: Der gesamte Berliner Landeshaushalt liegt bei etwa 46 Milliarden Euro im Jahr. Und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat nüchtern festgestellt, dass dabei keine einzige zusätzliche Wohnung entsteht.
Damit Sie nicht glauben, die Kultur sei vor solchen Rezepten sicher: Ich musste mir auch schon anhören: „Spielt doch mit weniger Leuten, dann habt ihr mehr Geld.“ Das ist bestechend logisch und hat nur einen kleinen Haken. Beethoven hat seine Besetzung nicht nach Kassenlage geschrieben. Eine Egmont-Ouvertüre mit halbem Orchester ist kein Sparmodell, sondern ein anderes Stück: eine Sarabande ohne Gewicht, ein Aufstand ohne Volk, eine Siegessymphonie ohne Piccolo. Übrigens gibt es das Prinzip schon längst. Es heißt Haydns Abschiedssymphonie. Darin verlassen die Musiker einer nach dem anderen die Bühne, bis am Ende zwei Geigen übrig bleiben. Das war damals allerdings als Protest gemeint und nicht als Haushaltskonzept.
Damit wir uns richtig verstehen: Ob man Enteignung für gerecht hält oder nicht, ist eine legitime politische Frage, ebenso die Frage, wie viel Kultur sich eine Gesellschaft leisten will. Mir scheint aber auch da Frage falsch gestellt: Nicht ob wir uns Kultur leisten können, sondern ob wir uns es leisten können, sie nicht zu haben und zu fördern. Insbesondere in der Fläche, wie wir als Sächsische Bläserphilharmonie es mit Überzeugung tun.
Meine Damen und Herren, mir geht es heute um etwas anderes. Die eine Seite sagt „alle weg“, die andere „alles her“, und die Kulturpolitik sagt „weniger ist mehr“. Diese Antworten passen auf ein Plakat, aber keine von ihnen passt zur Wirklichkeit. Das Schlagwort ist eben die Abkürzung, die sich als Ausweg verkleidet.
Sie kennen den Spruch: Sitzen ist das neue Rauchen. Ich glaube, die neueste Droge ist genau diese Vereinfachung. Wir haben eine Aufmerksamkeitsspanne im TikTok-Format, und alles ist immer verfügbar. Etwas zu erringen wird uns zu mühsam. Nachdem schon die Rückenmuskulatur verkümmert ist, atrophiert nun auch der demokratische, gesellschaftspolitische Diskursmuskel. Für den Rücken bezahlt die Krankenkasse wenigstens noch einen Kurs. Für den Diskursmuskel müssen wir selbst trainieren.
Denn die wahre Gefahr liegt in der Vereinfachung. Sie war schon immer ein Instrument politischer Systeme, weil sie die Welt in “nur wir sind Gut und die anderen Böse” teilt, in Schwarz und Weiß. Das Farbspektrum zeigt uns aber, dass zwischen Schwarz und Weiß alle Farben liegen, die die Welt zum Leuchten bringen. Genau das macht das Leben lebenswert und staunenswert. Bei allem Schmerz und Leid in der Welt liegt dort wohl auch alle Schönheit: in der Natur, in der Kunst, natürlich in der Musik, ganz individuell, aber besonders in der menschlichen Begegnung.
Um diese Schönheit zu erkennen, brauchen wir zwei Werkzeuge, die etwas aus der Mode gekommen sind: Dankbarkeit und Demut. Dankbarkeit lässt uns sehen, was wir haben, und nicht nur, was uns fehlt. Demut erinnert uns daran, dass die Welt komplizierter ist als unsere Meinung über sie.
Dafür lohnt es sich, sich anzustrengen.
Am 9. Oktober 1989 hieß es in Leipzig, in den Krankenhäusern stünden Blutkonserven bereit. Eltern sagten ihren Nachbarn, wohin die Kinder sollten, falls sie selbst nicht zurückkämen. Niemand wusste, wie dieser Abend enden würde. Die Menschen gingen trotzdem, ohne einfache Antworten und ohne Garantie, mit Kerzen in den Händen und zwei Worten: Keine Gewalt.
Dieser Optimismus sollte uns eine Lehre sein, denn für Pessimismus ist es zu spät.